Birdwatching: Warum es Pflegebedürftigen helfen kann, Vögel zu beobachten

Annemarie Helmer und Lina Sanddorn betreiben Birdwatching. Und das sieht manchmal auch etwas ulkig aus. Beide halten inne, gebannt starren die beiden Bewohnerinnen des Caritas-Altenheims St. Hedwig in Veitshöchheim von der Terrasse auf das Schauspiel, das sich wenige Meter vor ihren Augen abspielt. Gleich vier Vögel haben sich auf der im Garten angelegten Futterstation niedergelassen und piesacken sich, um den bestmöglichen Leckerbissen abzubekommen.

Ungewöhnliche Szenen im Altenheim

Nur eine halbe Stunde zuvor hatten Annemarie Helmer und Lina Sanddorn besagte Futterstation u.a. mit Sonnenblumenkernen, etwas Obst und Haferflocken drapiert. „Das sind glaube ich Wacholderdrosseln“, sagt Helmer und blättert dabei in ihrem Handbuch der Vogelbestimmung. Sanddorn, ebenfalls mit dem gleichen Handwerkszeug bewaffnet, korrigiert: „Nein, das sind Zaunkönige. Ein Teil des Schnabels ist gelb gefärbt.“ Dass sich solche Szenen im St. Hedwig-Altenheim seit geraumer Zeit des Öfteren abspielen, liegt daran, dass die Pflegeeinrichtung den Zuschlag bei einem weltweit einmaligen Pilotprojekt erhalten hat. Der Titel: „Alle Vögel sind schon da.“ Dabei geht es um das sogenannte „Birdwatching“, das Beobachten von wildlebenden Vögeln in ihrer natürlichen Umgebung. Denn dieses soll sich nach ersten Erkenntnissen positiv auf drei Teilbereiche auswirken: die psychosoziale Gesundheit, die mentale Leistungsfähigkeit und die körperliche Aktivität.

Was ist das Besondere am Birdwatching?

Dass sich die reine Anwesenheit von Haustieren sowohl positiv auf die Psyche des Menschen, aber auch auf die Gesundheit auswirkt, ist schon länger bekannt. Alleine das Streicheln von „klassischen Mitbewohnern“ wie Hund oder Katze kann dabei helfen, den Blutdruck und die Herzfrequenz zu senken. Das lässt sich mit wildlebenden Vögeln nur schwer realisieren, doch die Wirkung von „Birdwatching“ ist deswegen nicht geringer, im Gegenteil. „Die Vogelbeobachtung entfaltet ihre Wirkung gerade deshalb, weil wildlebende Tiere freiwillig eine kurze Bindung zum Menschen eingehen“, glaubt Professorin Elisabeth Kals von der Universität Eichstätt-Ingolstadt, die das Projekt mitbegleitet. Generell steht das „Birdwatching“ bei vielen Menschen hoch im Kurs. Teilweise bieten Reiseorganisationen Trips in unterschiedlichste Länder und an verschiedene Orte an, bei denen der Fokus darauf liegt, Vögel in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Dieses Beobachten und Zurückkehren in die Natur soll unseren Stresslevel reduzieren, lässt uns entspannen und macht einfach glücklich.

Vögel strahlen etwas besonderes aus

Vögel strahlen eine gewisse Magie auf den Menschen aus und sind für uns so etwas wie Botschafter der Natur. Zudem verbinden wir mit ihnen Freiheit, weshalb es ein besonderer Moment ist, durch das Beobachten eine Verbindung mit besagter Freiheit aufzubauen. Dass man für eine Vogelbeobachtung aber keine weiten Reisen unternehmen muss, weiß jeder, der schon einmal am Fenster gesessen hat und sein mit Maisenknödeln versehenes Vogelhäuschen im Garten beobachtet hat. Diese Erfahrung standen in Pflegeeinrichtungen lange nicht auf der Tagesordnung: bis jetzt. Das Projekt „Alle Vögel sind schon da“, will diesem Mangel nun entgegenwirken, mit dem Ziel, das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Heimbewohner zu steigern. Auch wenn die Ergebnisse bisher noch nicht komplett ausgewertet sind, lässt sich bereits feststellen, dass erste positive Auswirkungen festzustellen sind.

Birdwatching erfordert Aktivität und Verantwortung

Die Heimbewohner haben eine Aufgabe, bei der es auch um Verantwortung geht. Irgendjemand muss dafür verantwortlich sein, dass die Futterstationen, die im im Innenhof oder Garten der Einrichtung stehen, sodass sich die Bewohner aktiv dorthin begeben müssen, regelmäßig aufgefüllt werden.
Zudem fördert das „Birdwatching“ das Miteinander. Das Verhalten der Tiere regt zur Kommunikation an und fordert zudem den Geist wenn, wie im obigen Beispiel, sich über Eigenarten der unterschiedlichen Vogelarten ausgetauscht wird. Zusätzlich ist das Projekt gut für die körperliche Befindlichkeit der Heimbewohner, da sie aktiv in die Natur gehen und dazu motiviert werden, Erkundungen auf eigene Faust durchzuführen. Außerdem spricht es unterschiedlich Sinne des Menschen an, die man vor allem im Alter nicht vernachlässigen sollte, um aktiv am Leben teilzuhaben.
Quelle: https://www.lbv.de/umweltbildung/fuer-seniorenheime/