Was ist ein Intensivtagebuch?

Während Menschen intensiv gepflegt werden und auf dem Weg sind, langsam wieder gesund zu werden, passieren Dinge, die sie überhaupt nicht mitbekommen. Es vergehen Tage, Monate und sogar Jahre, in denen die PatientInnen sehr wenig, oder sogar gar nichts von den Behandlungen mitbekommen. Sehr häufig kommt es bei beatmeten PatientInnen zu dem Phänomen der traumhaften, aber als real erinnerten Gedächtnisinhalte, bei denen nur schwer unterschieden werden kann, ob es sich um die Realität oder einen Traum handelt. Um den PatientInnen nach dem Aufenthalt vor Augen zu führen, was während der Zeit der Bewusstseinsstörung passiert ist, wurde in England und Skandinavien, aber auch teilweise in Deutschland, inzwischen das Intensivtagebuch eingeführt.

Die Erkrankung verstehen können

Aaron Antonovsky, ein israelisch-amerikanischer Soziologe und Professor, stellte sich während seiner Forschungen die Frage, warum Menschen gesund werden und bleiben. Nach seinem Ansatz der „Salutogenese“ sind wir Menschen niemals vollständig gesund oder vollständig krank. Wir befinden uns immer auf einem Kontinuum zwischen gesund und krank und fühlen uns wohl, wenn wir uns in der Mitte dessen befinden.

Um mit Problemen im Leben umgehen zu können, und uns wieder in die Mitte des Kontinuums zu befördern, braucht es seiner Meinung nach drei Schritte: Das Verstehen, das Handhaben und das Sinn geben. Mit dem Intensivtagebuch werden diese Schritte deutlich, und vereinfacht. Denn nur wer eine Krankheit versteht und damit umgehen kann, ist trotzdem in der Lage in seinem Leben einen Sinn zu sehen und zu genesen.

Das Intensivtagebuch

Während der PatientIn nicht unter vollem Bewusstsein ist, werden alle Ereignisse und Entwicklungen in dem Tagebuch auf- und beschrieben. Nach einer notwendigen Intensivpflege kämpfen viele PatientInnen weiterhin mit physischen und psychischen Problemen. Sowohl die verabreichten Medikamente, als auch die notwendigen Behandlungen der Pflegekräfte können Einfluss auf Körper und Geist haben. Um die Ungewissheit über die Geschehnisse während der Behandlung zu nehmen, ist das Intensivtagebuch eine gutes Hilfsmittel.

Das Tagebuch kann nicht nur von Pflegekräften geführt werden. Auch Angehörige können Ihre Erlebnisse mit dem PatientIn darin schildern und festhalten. Wichtig beim Schreiben: Der Schreibstil sollte den PatientIn direkt ansprechen und der Inhalt sollte nicht nur medizinischer Natur sein. Damit der PatientIn erkennt, dass das Buch einen persönlichen Charakter hat, sollte sich auch auf persönliche Dinge, wie Haustiere, die Familie und Hobbys bezogen werden.

Auch Fotos können für die Rekonstruktion der Intensivpflege-Zeit hilfreich sein. Hier sieht die rechtliche Lage in Deutschland allerdings vor, dass Fotos von nicht-einwilligungsfähigen Menschen nicht erlaubt sind. Stattdessen können Demo-Fotos oder Fotos mit anderen Personen verwendet werden.

Wann das Tagebuch übergeben werden sollte

Das Intensivtagebuch an den PatientIn zu übergeben kann starke Emotionen hervorrufen. Sowohl bei dem PatientIn, als auch bei dem Überbringer, der entweder auch Pflegekraft oder ein Angehöriger sein sollte.

Einen richtigen oder bestimmten Zeitpunkt hierfür gibt es noch nicht. Klar ist aber, der PatientIn muss sich dafür bereit fühlen. Eine zwingende Konfrontation mit dem Tagebuch kann sich negativ auf den Zustand des PatientIn auswirken, wenn sich dieser dadurch unter Druck gesetzt fühlt.

Am besten ist es, wenn sich der PatientIn von alleine dazu äußert, dass er das Buch lesen möchte, oder Sie es einfach mitgeben und der PatientIn es sich jederzeit anschauen kann. Dass PatientInnen dazu bereits sind, das Tagebuch zu lesen, äußern sie häufig mit Signalen. Viele PatientInnen beginnen nach einer Zeit bspw. damit, Fragen über die Zeit auf der Intensivstation zu stellen.

Beim ersten Lesen nicht alleine zu sein kann helfen, denn das Buch kann auch „Nebenwirkungen“ hervorrufen. Ist man plötzlich mit so vielen Bildern und Gedanken konfrontiert, können die Emotionen schnell überhand nehmen. So kommt es nicht selten vor, dass PatientInnen sehr aufgeregt sind und sogar plötzlich in Tränen ausbrechen. Flashbacks können durch das Lesen eines Intensivtagebuches sogar gelindert werden.

Auch bei dem Zeigen der Fotos ist Vorsicht geboten: Nicht allen PatientInnen hilft es, sich selbst zu sehen, wie sie beatmet werden und sich in einem komatösen Zustand befinden. Erklären Sie dem PatientIn zunächst, dass es Fotos gibt und fragen Sie, ob diese/r die Bilder sehen möchte.

Quelle:

http://www.intensivtagebuch.de/Intensivtagebuch/Start.html