Oma Erna wird zur Gaming-Queen

Wenn du an Computerspiele denkst, was kommt dir da zuerst in den Kopf? Vermutlich sowas wie Ballerspiele, LAN-Partys und jede Menge Energydrinks. Aber zocken muss nicht nur das sein, es kann auch viel mehr.

Computerspiele können mehr, als man denkt

Für die junge Generation gehören Gaming-Konsolen schon längst in jedes Wohnzimmer, doch was ist mit dem älteren Teil unserer Gesellschaft, für die schon allein das Internet manchmal ein Fremdwort ist? Heute sind es die Video- und Computerspiele, die sich immer mal wieder ungerechtfertigten Anschuldigungen ausgesetzt sehen. Denn, dass Videospiele weder Gewalt fördern, noch dumm machen, ist in zahlreichen Studien längst bewiesen. Aber gerade der zweite Faktor wurde in den letzten Jahren zum Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. Denn Laut einer jüngst veröffentlichten Studie nehmen bestimmte Hirnareale durch den Konsum von Videospielen sogar an Zellmasse zu. Und damit ergeben sich ungeahnte neue Potenziale.

Schneller regieren als die US Luftwaffe

Prof. Jürgen Gallinat und Prof. Simone Kühn begannen schon vor acht Jahren sich mit der Nutzung digitaler Medien bei Jugendlichen zu beschäftigen. Die Magnetresonanztherapie (MRT) brachte dabei erstaunliches zutage: Jugendliche, die ihre Zeit viel mit Videospielen verbringen, hatten in einem bestimmten Hirnareal mehr Volumen als ihre Altersgenossen, die weniger gespielt haben. In einer weiteren Studie wurde dann der wissenschaftliche Verdacht bestätigt: Die zeitintensive Beschäftigung mit Videospielen führte bei den Probanden zu einer Vergrößerung des Hirnareals. Dabei ist das eigentlich keine Überraschung, denn professionelle Spieler treffen bis zu acht Entscheidungen in der Sekunde. Um diese Zahl einzuordnen: Top-Piloten der U.S. Luftwaffe unterlagen den Professionellen Spielern in Vergleichstests. Was würde nun wohl geschehen, wenn wir an Demenz erkrankte Menschen solche Videogames regelmäßig spielen lassen würden?

Super Mario verbessert das Kurzzeitgedächtnis

In Kanada widmete man sich 2017 dieser Frage und ließen ältere Menschen „Super Mario 64“ spielen. Das Ergebnis war eine Zunahme der grauen Substanz im Hippocamus und eine Verbesserung des Kurzzeitgedächtnisses innerhalb von sechs Monaten. Bei den Kontrollgruppen in der Studie konnten solche Verbesserungen hingegen nicht festgestellt werden. Der Hippocampus ist eine Gehirnregion, die neue Eindrücke als Erinnerung speichert und räumliche Informationen zu einer Art inneren Karte zusammenfügt. Die Spieler werden wohl genau solche inneren Karten beim Spielen erstelltet haben.

Die Memorebox in deutschen Altenheimen

Solche Studien waren der Anstoß für ein neues Präventionsprojekt der Barmer Krankenkasse in Zusammenarbeit mit dem Digital Health Start-up RetroBrain R&D GmbH aus Hamburg. Ministerpräsident Dietmar Woidtke (SPD) hat bereits die Schirmherrschaft über das Projekt MemoreBox übernommen. Diese MemoreBox ist eine Videospiel-Plattform, mit der über Gesten virtuelle Spiele wie Kegeln oder Motorrad fahren lebensnah gesteuert werden können. Die Box kann an jeden handelsüblichen Fernseher angeschlossen werden und die Körperbewegungen werden über eine Spezialkamera aufgenommen. Das Motorradfahren kann auch noch im Rollstuhl gespielt werden, weil dort die Bewegung des Oberkörpers völlig ausreichend ist. Beim Einsatz der MemoreBox wird sowohl die Koordination, die Multitaskingfähigkeit, das Reaktionsvermögen, die Kognition als auch die Lernfähigkeit und die körperliche Beweglichkeit von Heimbewohnern gestärkt.

Postbote spielen für das Gedächtnis

Die Computerspiele wurden speziell für ältere Menschen entwickelt, aber die sich im menschlichen Hirn abspielenden Prozesse bleiben die Gleichen. Das „Postbotenspiel“ etwa wurde in Zusammenarbeit des Universitätsklinikums Hamburg – Eppendorf und RetroBrain entwickelt. Das Projekt gehört zu einer Studie, die von der Stadt Hamburg finanziert wurde und sich mit der Wirkung digitaler Medien auf das menschliche Gehirn beschäftigt. Die MemoreBox wurde nun insgesamt 18 Monate lang in drei Heimen getestet und evaluiert. Sofern die Bewohner zwei bis drei Mal in der Woche an der Konsole spielten, zeigten sich nach Angaben der Barmer auch eine Stärkung der Leistungsfähigkeit. Außerdem hätten die gemeinsamen Spielstunden auch die sozialen Bindungen unter den Bewohnern gestärkt. Insgesamt drei Universitäten widmen sich jetzt der Evaluation des Projektes.