Pflege 4.0 – Welche Gründe für eine Digitalisierung in der Pflege sprechen

In Zeiten der digitalen Revolution kommen fast täglich neue Innovationen auf den Markt, die unser Alltag- und Arbeitsleben umkrempeln. Die Digitalisierung ist überall: Smartphones, Facebook, WhatsApp und Co sind aus unserem Alltag inzwischen nicht mehr wegzudenken. Auf Reisen finden wir uns nur noch mit Google Maps zurecht, unser Restaurant suchen wir nur noch nach den guten Bewertungen im Netz aus und Gesundheitsapps sind so beliebt wie noch nie. Auch der berufliche Alltag in der Pflege steht vor einer großen Veränderung – auch wenn die Branche nicht wirklich als technikaffin gilt. Nicht selten hört man Beschwerden über die Digitalisierung in der Pflege. Doch es sprechen auch Argumente für mehr Einsatz von Technologien.

Digitalisierung ist mehr als nur Roboter

In erster Linie sollen viele technologische Hilfsmittel die pflegerische Arbeit nur unterstützen und nicht ersetzen, wie oft befürchtet wird. Im Fokus der angestrebten Veränderungen liegen überwiegend die elektronische Dokumentation, technische Assistenz, Telecare und die Robotik. Hinter dem Schlagwort „Digitalisierung“ verbergen sich, wenn es um die professionelle Pflege geht, besonders intelligente Technologien wie Sturzdetektoren, Sensorsysteme zur Analyse von Bewegungsmustern im häuslichen Bereich, automatische Beleuchtungssysteme oder intelligente Matratzen. Möglich sind aber auch Softwarelösungen, die eigenständig Dokumentation und Pflegeplanung kombinieren, oder Serviceroboter, die auf einer Station oder in einem Wohnbereich Transportaufgaben übernehmen.

Die elektronische Dokumentation

Mit der elektronischen Dokumentation ist das schriftliche Festhalten der Pflegeplanung und pflegerischen Maßnahmen mit einer geeigneten Software gemeint. Ohne Dokumentation funktioniert in der Pflege gar nichts. Frühe Studien belegen, dass mit Einführung der digitalen Dokumentation die Skepsis seitens der Pflegekräfte recht hoch war, auch weil so manches System hinter den Erwartungen zurückblieb. Es konnte weder eine Zeitersparnis noch eine Erleichterung im Arbeitsalltag festgestellt werden.
Inzwischen hat sich aber die Meinung der Pflegekräfte überwiegend zum Positiven verändert. Denn elektronische Dokumentation kann einiges leisten und die Pflege bereichern. Der Informationsfluss zwischen den verschiedenen Pflegesettings kann erleichtert werden, von der Intensivstation eines Krankenhauses bis hin zu einem ambulanten Pflegedienst. Die bereichsübergreifende Verarbeitung von Patientendaten führt zu einem klareren Bild der Patienten und Bewohner und somit auch zu klareren Anforderungen an die pflegerische Versorgung.
Digital verknüpfte Dokumentation schafft Transparenz, weniger Informationen kommen abhanden, die Lesbarkeit verbessert sich deutlich und die „Zettelwirtschaft“ als klassische Fehlerquelle wird abgeschafft. Außerdem verlangt die digitale Dokumentation, dass alle Nutzer dieselbe Sprache sprechen – so ist die Transparenz und Nachvollziehbarkeit höher, durch Checklisten und Erinnerungshilfen wird nichts mehr übersehen oder vergessen.

Technische Assistenzsysteme sollen entlasten

Technische Assistenzsysteme wollen vor allem älteren und gesundheitlich beeinträchtigten Menschen den Alltag erleichtern und so zu einem selbstbestimmten Leben beitragen. Sie funktionieren dabei selbstständig und proaktiv und können zum Beispiel auf Abweichungen von üblichen Routinen reagieren. Das tolle: Sie integrieren sich meist unauffällig in die Umgebung und in den Alltag.
Bisher sind solche Systeme überwiegend in den Bereichen der Sicherheits- und
Kommunikationstechnik, insbesondere in den Bereichen Hausnotruf, Nachtbeleuchtung und Sensorik verbreitet. Allerdings befinden sich viele Systeme noch in der Experimentierphase und von einer flächendeckenden Versorgung sind wir noch weit entfernt.
Für die Pflege werden sie dann interessant, wenn sie das Erfassen von Daten im Pflegeprozess unterstützen. Ältere Menschen können an ihre Medikamenteneinnahme erinnert werden, aber auch Abweichungen vom üblichen Alltag erfasst und so der Unterstützungsbedarf erfasst werden. Hilfreich können da etwa Türsensoren sein, die erfassen, wenn eine Person länger im Bad benötigt als üblich oder sogar Hilfe benötigt. Der Einsatz von technischen Assistenzsystemen ist nicht nur auf die stationäre und häusliche Pflege beschränkt, sondern auch angrenzende Versorgungsformen wie die Tagespflege oder Pflege-Wohngemeinschaften können davon profitieren. Obwohl auch diesem Bereich noch viel Skepsis entgegengebracht wird, bieten die Assistenzsysteme Vorteile wie eine bessere Koordination der Versorgung und eine psychische Entlastung, weil den Pflegenden zusätzliche Sicherheit durch die Beobachtung gegeben werden kann.

Telecare als Chance für die Peripherie

Im Bereich der Telecare steckt die Forschung in Deutschland zwar noch in den Kinderschuhen. Aber die Vorzüge liegen fast schon auf der Hand. Telecare bedeutet soviel wie Fernbetreuung über das Internet. Mit diesen neuen Technologien können Menschen mit körperlichen Einschränkungen möglichst lange selbstständig in der eigenen Wohnung bleiben. Telecare soll die Pflegenden nicht ersetzen, sondern eine Möglichkeit zur Unterstützung und Ergänzung bieten. Durch die virtuelle Kommunikation lassen sich große Entfernungen überwinden. So können auch Pflegebedürftige in dünn besiedelten Gebieten besser versorgt werden, wenn vor Ort nicht ausrechend qualifizierte Pflegekräfte vorhanden sind. Das Versorgungsteam kann mit der Hilfe von Telecare besser zusammenarbeiten – man muss nicht mehr ständig von A nach B laufen, um fachliche Expertisen einzuholen. Genau wie die technischen Assistenzsysteme kann dazu beigetragen werden, dass Pflegebedürftige länger in den eigenen vier Wänden leben können. Bei einer Diabeteserkrankung können Blutzuckerwerte direkt übermittelt und das eigenen Befinden per Videotelefonie mit einer Fachkraft besprochen werden. Weil aber in ländlichen Gebieten die benötigte schnelle Internetverbindung nicht immer vorhanden ist, kann Telecare noch nicht in dem Umfang zum Einsatz kommen, wie man es sich wünscht. Außerdem brauchen die Patienten auch die notwendige technische Ausstattung und das volle Potenzial dieser Technik kann noch lange nicht ausgeschöpft werden.

Das Lieblingsbeispiel der Digitalisierung: Roboter

Wenn man über die Digitalisierung in der Pflege spricht, denken viele zuerst an den Einsatz von Robotern. Und das nicht auf eine positive Art und Weise: Mehr als die Hälfte der Europäer fühlt sich unwohl bei dem Gedanken, dass ein Roboter ältere oder pflegebedürftige Menschen versorgen oder medizinische Aufgaben übernehmen könnte. Die Skepsis war bei Tätigkeiten der direkten Pflege höher als bei Routinetätigkeiten, die die Pflegekräfte entlasten und nicht ersetzen sollten.
In deutschen Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Diensten gehört der Einsatz von autonomen robotischen Systemen nicht zum Alltag. Sie bieten dennoch die Chance einer Enormen Entlastung der Pflegekräfte. So können sie etwa beim Bewegen oder bei der Lagerung der Patienten helfen, Wäsche- und Essenscontainer transportieren und so vor allem die körperliche Arbeit reduzieren. Denn besonders diese anstrengenden Aufgaben sind oft die Ursache für eine spätere Arbeits- und Berufsunfähigkeit in der Pflege. Weitere Einsatzmöglichkeiten sind das Bereitstellen von Medikamenten, die Reinigung von Betten und Zimmern oder die Versorgung mit Essen und Trinken.
Robotische Systeme für die professionelle Pflege haben aber noch lange nicht die Marktreife erreicht. Ob und wie sie zukünftig einen Nutzen in der Pflege darstellen können wird noch untersucht.
Wenn es um Digitalisierung in der Pflege geht, treffen viele Fachbereiche wie Pflegewissenschaften, Rechtswissenschaften und Maschinenbau aufeinander. Diese Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche kann zu innovativen und praxistauglichen Ergebnissen führen, die den Arbeitsalltag der Pflegekräfte erheblich erleichtern können. Es lohnt sich, die weiteren Entwicklungen im Auge zu behalten, sich aktiv an der Entwicklung zu beteiligen und den technologischen Neuheiten eine Chance zu geben.